Gedanken und Erlebnisse eines Transalpers
The day before (Freitag 18.07.2008)
Ungebrochen ist mein Hunger, sodass ich alles reinschiebe was nach Kohlenhydraten aussieht. Immerhin, der Appetit stimmt noch, denn ehrlich gesagt, habe ich das Gefühl als Wrack nach Füssen zu reisen! Seit Sonntag ist Collunusol-Spray mein treuester Begleiter und versucht meinen Halsschmerzen den garaus zumachen. Ab Mittwoch gesellte sich dann Kamerad "Bello", ein heftiger Husten dazu. Davon abgesehen quälen mich immer noch die Sturzblessuren vom Piemont und Generoso.
Naja, vielleicht erreiche ich dann Riva in besserer Verfassung... Zudem kann ich mich daran festhalten, dass ich am letzten Dienstag auf meiner Intervall-Strecke durchwegs Rekordzeiten aufs Parkett legte! Also ab zur Akkreditierung, wir werden das Ding schon schaukeln.
Huuch, wir fahren auf Umwegen nach Füssen! Rolf hat so schnelle Beine und lots uns mittels Navi bereits Richtung Imst, dem Zielort der ersten Etappe... Hoffentlich finden wir dann auf den Bikes den schnellsten Weg!
Day 1 (Samstag 19.07.2008)
6.30 Uhr, ich werfe einen ersten Blick aus dem Hotelfenster. Strahlend blauer Himmel, das lässt den Motivationspegel doch gleich ansteigen. Noch rasch die allerletzte Reisswaffel verdrücken und dann langsam fürs Frühstück frisch machen. Wir gönnen uns dabei nochmals "Zivilkleidung". Wir sind halt keine Deutschen, denn die so möchte man meinen, werden sich die nächsten 8 Tage nur noch in Velokleidern tummeln... hoffentlich nicht noch mit der 07er Transalp-Medaille...
Im Startblock B (im A sind nur Pro's) haben wir uns eine gute Position im ersten Drittel ergattert. Jetzt noch geschlagene 75 Minuten bis zum Start warten. Nun, der Speaker gibt sein Bestes mit Infos und Interviews, und lässt auch schon mal ein wenig AC/DC auffahren. Dem munteren Treiben der Konkurenz zuzuschauen ist auch ganz amüsant, da werden bereits jetzt erste Kontakte geknüpft.
Punkt 10 Uhr fällt der Startschuss und los gehts. Zuerst gemässigt schnell da neutralisiert, dabei wird scheinbar dem Fahrer eine Führungsmotorades, von einem erbosten Bauer ein Knüppel über die Rübe geschlagen. Zudem hat dieser definitiv Nicht-Biker-Freund einige Wegweiser verdreht und entfernt...
Nach 4Km wird das Rennen freigegeben und die Post geht ab als gäbe es kein Morgen! Nach kurzzeitigem Beinahe-Ersticken, gewöhnt man sich rasch an den Pulsschlag bis zur Gurgel. Rolf gibt mächtig Gas, manchmal fast zuviel, sodass wir auf dieser ersten Etappe trotz 2000Hm über einen 20er Schnitt hinlegen. Zu schnell für Tamara, sie verpasst unseren Zieleinlauf wegen Stau auf den Strassen. Sind wir es wirklich nicht zu schnell angegangen? Wie nass wird es morgen?
Day 2 (Sonntag 20.07.2008)
Mit bereits harten Beinen gehts ans Frühstück und weiter mit gut gesättigtem Magen ins Startfeld. Block C (Rang 76 - 175) ist heute und für den Rest der Woche unser zuhause beim Start. Heute hat es die ersten richtigen Brocken, welche wir aber gut und flüssig durchzudrücken verstehen. Auf dem letzten, aber harten talaufwärts Trail nach Ischgl, muss ich während 30 Minuten dem hohen Anfangstempo Tribut zollen und Gas wegnehmen. Also doch ein wenig überdreht gestern und heute, aber wir waren bestimmt nicht die Einzigen.
Das Wetter war passabel und auch Tamara hats diesmal rechtzeitig zum Zieleinlauf geschafft!
Beim Zimmerbezug im Hotel heisst es jeweils nochmals alle Kräfte sammeln, um die megaschweren Transalp-Taschen rumzuschleppen. Den Spezialpreis für die schwerste Tasche werden wir aber nicht einheimsen, diese soll nämlich weit über 50kg schwer sein...
Day 3 (Montag 21.07.2008)
Aufwachen, Beine anspannen uuaahh.., Blick aus dem Fenster. Immer wieder das gleiche Prozedere am frühen Morgen. Heute sieht es bedrohlich aus mit tiefhängenden dicken Wolken, Nieselregen und angekündigten Wintertemperaturen auf dem Idjoch (2'700m).
Seis drum, im Block C sind praktisch alle Figuren wieder present und freuen sich auf das Schotterfährtchen nach Scuol rüber. Für uns heisst's ab in die Heimat!
Wie immer gehts ab wie wie bei einem Eintagesrennen, der Urs hats uns ja gepredigt, aber geglaubt haben wir's nicht wirklich. Steil ist der Aufstieg, sehr steil und wird dann oben hinaus noch steiler und schottrig-rauh, sodass vermutlich 90% der Biker zum Wanderer mutieren, inkl. Rolf und mir! Im munteren Schneetreiben und 1.8°C stampfen wir am Limit, in dieser kargen Mondlandschaft, dem Übergang entgegen. In horrendem Tempo sausen wir danach auf der Schweizer Seite ins sonnige Engadin runter. Schon fast im Tal unten, eine Schrecksekunde bei der allerletzten Asphaltkurve, bevors in einen Trail reingeht. Vor meinen Augen rutscht Rolf's Vorderrad weg und er schlittert mitsamt Bike über die Strasse. Tapete an der seitlichen Wade weg und innert Sekunden schwillt dieselbe zu einer riesigen Beule an! Rolf ist kurz benommen, aber nach 2-3 Minuten gehts weiter, hoffentlich keine Prellungen...
Zum Schluss dieser Etappe wartet dann noch ne Stunde harte Arbeit, bei der es gilt mit aller Kraft das Tal Richtung Scuol zu durchstampfen. Als dann plötzlich Zurigo-Racer Ralf und Familie am Streckenrand auftauchen und uns mit Cola eindecken, sind wir nicht mehr zu halten und entledigen uns aller Verfolger. Noch ein letzter, sogenannter "Schnapper" (Original von Race Director Uli Staniu) nach Scuol hoch, bei dessen Einstieg uns eine gut 20-köpfige Gruppe nochmals sehr Nahe kommt. Aber wir werfen nochmals alle Körner in die Schale und retten unsere Position souverän ins Ziel! Das nennt man hier ausrollen für die kommenden, schweren Etappen...
Day 4 (Dienstag 22.07.2008)
Ab heute steht Rolf mit "Tatoo" und Plaster am Start, wie so viele Andere auch. Die Strecke des Nationalpark-Marathons bis nach Livigno steht an. Die 2'600Hm gelten hier bei der Transalp als "Erholungstag" vor den zwei harten Königsetappen. Nieselregen, Schneefall, Graupelschauer und teilweise heftiger Wind erschweren die Fahrt ins "warme" Italien erheblich. Denkste, 8°C nehmen uns in Livigno in Empfang. Ausserdem werden wir hier nochmals auf Teufel komm raus den Berg hochgejagt, mit zum Teil unmenschlich steilen, aber kurzen Rampen. Race Director Uli wird von so Manchem wieder mal in die Hölle verflucht... Aber dieser bittet jeweils schon beim Briefing vor der Etappe um milde Schimpfwörter... Heute lief es wiederum gut und wir erreichen das Ziel nach knapp über 5 Stunden.
Bereits im Hotelzimmer sehen wir wie ein heftiger Sturm mit Schauern, Hagel und Böen über Livigno hinwegfegt. Kein Zuckerschlecken für die vielen Teams welche jetzt noch unterwegs sind. Gegen 19.30 Uhr begeben wir uns, nach der täglichen Massage bei Jeantex, zur Pasta-Party. Just in dem Moment treffen die letzten zwei Teams, mit einer Zeit von weit über 10 Stunden im Ziel ein (mehr als doppelt so lange wie wir!). Das sind die wahren Helden entfährt es dem Massage-Leiter zurecht! Wie um Himmels willen wollen diese Fahrer die kommenden zwei Königsetappen überstehen, denke ich bei mir...
Day 5 (Mittwoch 23.07.2008)
Block C und immer noch sind sie alle da! Die zwei jungen deutschen Rennradfahrer, welche wir in der Jugi Scuol kennengelernt haben; die langen, hellblauen Holländer, die besser rauf- als runterfahren; die russischen Kraft-Jungs, von denen einer täglich vom Hammermann heimgesucht wird, da er zu Beginn immer überdreht; natürlich die "RuprechtBuebn", welche einen Anti-Aufrüst-Kodex geschlossen haben und mit eigentlichen "Museums-Eseln" mit Starrgabel, ohne Klickies und schon mehrfach zusammengeschweissten Stahlrahmen unterwegs sind. Auch in dieser Woche kommt der Schweissbrenner wieder zum Einsatz; und natürlich die wenigen, zähen Mädels, die trotz grossen Leiden immer noch ne gute Figur auf dem Bike abgeben und den Respekt des Männerfeldes auf sicher haben. Alle sind sie da! Gibt den hier keiner auf?
Auf der heutigen ersten Königsetappe über 122Km nach Naturns biken wir definitiv in die Wärme... heisst es, als wir bei Nieselregen und fröstelden 6°C das tägliche "Highway to Hell" von AC/DC herbeisehnen. Denn dann gehts los und man kann auf Betriebstemperatur kommen. Als Überraschungsgast erscheint auf dem Bocchetta di Forcola auf über 2'700m, wie aus dem Nichts, der alte Transalp-Hase Urs. Ne coole Überraschung, aber leider reichts heute nicht für einen Kaffee...
Wir schaffens in knapp über 7h ins Ziel, wobei wir die letzten 30Km durchs Vinschgauertal mit einem 40er und mehr dahinfliegen. Und schau einer an, Sonne und Wärme sind auch schon da!
Jetzt heisst es wieder Essen, Hotel beziehen, Bike Pflege, erstes Abendessen (Restaurant), ein wenig ans Strassenfest in Naturns, Massage. Dann an der Pasta-Party zweites Abendessen, Briefing, Siegerehrungen des Tages, Bilder des Tages.
Day 6 (Donnerstag 24.07.2008)
Start zur zweiten Königsetappe über nochmals fast 100Km, 4'000Hm und über 4 Pässe mit schwierigsten Aufstiegen gespickt. Gleich zu Beginn gilt es 1'400Hm am Stück zu bewältigen, gefolgt von weiteren, steilen 800Hm beim zweiten Aufstieg. Ums gleich vorweg zu nehmen, heut hats mich deftig erwischt! Ich hab diese ersten 2'200Hm gelitten wie ne Sau. Puls tief im Keller, aller Sauerstoff in den Beinen. Wohl besser so, denn hätt mein Hirn noch anständig funktioniert, hät ich wohl mein Bike das Vinschgauertal runtergeschmissen... Sowas durfte ich seit Jahren nicht mehr erleben.
Nun, nach 3.5 Stunden kam ich auf wundersame Weise zurück ins Rennen. Rolf hat einmal mehr seine Topform ausgespielt und mich so gut es ging durch die seltenen Flächen geschleppt. Diese Etappe war so hart und heiss, das selbst die Pro's mit schmerzverzerrten Gesichtern im Ziel einfuhren.
Auch meine Masseuse musste heute Alles geben und wirklich hart und tief in die Muskeln greifen, um mich für morgen wieder fit zu kriegen.
Day 7 (Freitag 25.07.2008)
Heute stehe ich mit gemischten Gefühlen, im warmen Sonnenschein am Start. Analog zu gestern gibt es gleich zu Beginn wieder 1'400Hm am Stück zu bewältigen und ich weiss noch nicht, wie sich mein gestriger Höllenritt ausgewirkt hat!? Wenn ich mich so im Startblock umschaue, kann ich doch da und dort schwerbeinige Leidensgenossen mit kleinen Äuglein ausmachen. Die letzten Tage haben ihre Spuren hinterlassen...
Glücklicherweise habe ich heute die guten Beine ausgepackt. Es läuft gut und wir können schwungvoll durchziehen. Die heutige, abwechslungsreiche Etappe bei grosser Hitze bringt viele Trails und somit Fahrspass mit sich. Allerdings erwartet uns zum Schluss ein extrem harter Aufstieg zum Ziel nach Andalo hinauf. Da hats dermassen steile Rampen drin, die dich glatt vom Sattel strählen. Diese kurzen Passagen müssen jeweils durch schieben überwunden werden, bevor man sich danach wieder mit seinem kleinsten Gang rumschlagen darf. Auch diese heutigen gut 3'000Hm werden vom Grossteil des Feldes bewältigt und die Vorfreude auf die morgige Schlussetappe nach Riva ist bereits zu spüren.
Day 8 (Samstag 26.07.2008)
Schlappe 1'500Hm gilt es heute noch flachzudrücken. Ein Pappenstiel verglichen mit dem, was wir schon hinter uns haben. Im Startfeld ist die Stimmung verständlicherweise angeregt und fröhlich. Nach den finalen Startschuss gehts dann gleich wieder voll zur Sache. Schon am zweiten Aufstieg verzücken uns wieder Rampen mit einer Steilheit von 20% und mehr auf schwierigen Untergrund. Weiter oben geht es dann in einen nicht so steilen Uphill-Trail rein. Hier ist volle Konzentration gefragt, ein kleiner Fahrfehler und mit dir werden fünf, sechs hinter dir zu Mitfussgänger...
Vom Passo San Giovanni gehts dann beinahe nur noch runter. Die Vorfreude auf ne geile Singletrail-Abfahrt währt allerdings nicht lange. Die ersten 500Hm Downhill sind dermassen steil und glitschig, dass hier wohl gut 90% der Fahrer gezwungen sind, die Variante runterschieben zu wählen. Im unteren Teil wird es dann einfacher, aber immer noch schwierig fahrbar, sodass Rolf und ich durchziehen können, während viele doch immer wieder vom Sattel müssen. Ja, auch die langen, hellblauen Holländer...
Jetzt noch rund 25 leicht coupierte Kilometer bis nach Riva. Volle Konzentration ist nochmals von nöten, während man meist in Gruppen, mit horrendem Tempo Richtung Ziel bolzt. Wir überstehen die Schlussschinderei mit etwas Glück unverletzt und können uns 2 Kilometer vor dem Ziel sogar noch von unserer Gruppe absetzen, indem wir die letzten Körner rausholen!
IT'S DONE ist mein erster Gedanke als wir nach 42h20min die Ziellinie vor einer riesigen Zuschauerkulisse überqueren. Riesenfreude, Erleichterung und Erlösung aller Leiden kommen in dem Moment zusammen. Man hält sich noch einige Zeit im Zielbereich auf und drückt da und dort Hönde und gratuliert den anderen Finishern.
Einige Stunden nach der Ankunft kommt schon fast ein wenig Wehmut auf. Erst jetzt wird man so richtig Zeit haben, die vielen Erlebnisse und Eindrücke der letzten Tage zu erfassen, geniessen und verarbeiten.
31.07.2008, Peter Team BIKEZONE FUNRACER
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